Jan Wigger, Burzum und diese verdammte Grauzone

RockHard-Forum? Fehlanzeige. Metal-Hammer-Forum? Nichts zu finden. Zugegeben, in der Metalszene hat es nicht wirklich Aufsehen verursacht, dass Spiegel-Musikredakteur Jan Wigger in seiner Playlist Burzum drin hatte. Thematisiert wurde das unter anderem bei NPD-Blog bzw. jetzt Pubilkative in diesem Artikel und einem Facebook-Eintrag. Was Herrn Wigger natürlich nicht davon abhielt, in der folgenden Woche im Rahmen eines Zola Jesus-Reviews seinen Kritikern Scheinheiligkeit, Doppelmoral und blindes Eifern vorzuwerfen, mit kruden Vergleichen um sich zu werfen und die Akte Varg Vikernes ein für allemal zu schließen.
Und ja, in gewisser Hinsicht ist die Empörung von Jan Wigger durchaus berechtigt. Denn er agiert nunmal nicht am äußersten rechten Rand der Metalszene, sondern in deren Mitte und weiß dabei die großen Magazine hinter sich. In Specials haben Zeitschriften wie das kritisch-kompetent-unabhängige Rock Hard und Legacy Alben von Burzum hoch gelobt, das englische Terrorizer widmete Varg Vikernes sogar eine Titelstory. T-Shirts von Burzum sorgen auf Metalkonzerten schon lange nicht mehr für Aufsehen, sondern sind akzeptierte Normalität. Insofern greift eine Kritik an Jan Wigger alleine zu kurz. Es ist nunmal der Konsens der Szene, der auf den Prüfstand gehört, kritisiert und vor allem kritisch hinterfragt werden muss und zwar abseits der gängigen Argumentationsmuster.
Die Argumentation der Unterstützer_innen verläuft dabei immer gleich. Als erstes heißt es immer, wer kein Black-Metal-Fan sei bzw. diesen nicht hören würde, könnte ihn auch nicht verstehen. Das ist natürlich super, damit spricht mensch dem Gegenüber schonmal jegliche Kompetenz ab und verschafft sich selber den Nimbus der Überlegenheit des Wissenden über den Nichtwissenden. Dann wird eine ganze Reihe von Dogmen abgespult: auf den Alben von Burzum seien ja keine rechtsradikalen oder nazistischen Inhalte vertreten, die Alben seien in der Szene als musikalische Meisterwerke anerkannt, Varg Vikernes wurde erst nach der Veröffentlichung der Alben zum Nazi, vorher war er harmlos. Mal abgesehen davon, dass das Anzünden von Kirchen bzw. der bewusste Aufruf dazu und das In-Kauf-Nehmen von Toten (bei den Löscharbeiten starb ein Feuerwehrmann) alles anderes als harmlos ist, werden diese Dogmen wie Glaubenssätze vor sich hergetragen und den Kritikern mit Vehemenz und Penetranz um die Ohren gehauen. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige. Aber wozu auch? Wenn ein Autor wie Wolf-Rüdger Mühlmann, seines Zeichens Promoter von Frei.Wild und plakativer Frontmann des Rock Hard, wenn es um Kritik an NSBM geht, das Aufnehmen von Burzum in die Top 25-Liste der wichtigsten Black-Metal-Alben vehement verteidigt, dann ist beruhigtes Zurücklehnen angesagt.
Denn die Bösen, dass sind immer die Anderen, die Kritiker. Die Leute, die zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass Burzum einen großen Einfluss auf das Entstehen und die Entwicklung von NSBM hatten. Die keinen Bock auf Leute in Burzum-Shirts haben. Die es nunmal nicht cool finden, wenn es normal ist, die Musik eines Rassisten, Antisemiten und homophoben Nazis wie Varg Vikernes zu hören bzw. ihn mit dem Kauf seiner Musik finanziell zu unterstützen. Die, für die die Grauzone ein durchaus wichtiges Phänomen und keine Antifa-Phantasie ist. Die, die halt nicht alles fressen, was vermeintliche „Antifaschisten“ wie Wolf-Rüdiger Mühlmann und das Rock Hard veröffentlichen, sondern kritisch nachfragen und zweifeln.
Aber bis das passiert, ist es leider noch ein weiter Weg. Der große Teil der Szene macht es sich lieber in der Grauzone gemütlich, bügelt Nachfragen mit „Wir sind definitiv keine Nazis“ ab und spart sich kritisches Denken, Hinterfragen, Reflexion und Unabhängigkeit. Traurig, aber leider Realität.

Kiel Explode Festival Tag 2 (18.06., Alte Meierei, Kiel)

Leider viiiiiiieeeeeeeeel zu spät und deshalb auch nicht so ausführlich, aber hier ist der Bericht zum zweiten Tag des Kiel Explode-Festivals.

Leider bin ich beim Nachmittagsprogramm (Kaffe, Kuchen und der absolut sehenswerte „Punk Im Dschungel“-Film) nicht am Start, aber bei der Ankunft in der Meierei wird anhand der übrig gebliebenen Mengen Kuchen und des doch recht spärlichen Besuchs klar, dass es heute leerer wird als gestern. Ob daran die Absage der von vielen heiß erwarteten Planks schuld ist oder dem Programm etwas die Abwechslung fehlt, schwer zu sagen.

Als erste Band dürfen dann Honigbomber um halb neun endlich loslegen. Stilistisch nähern sich die Hamburgern dem Noise vom Punk her, was angenehm sperrig klingt und dennoch rockt. Die absolute Gehirnfusion bleibt zwar aus, aber die guten Arrangements sorgen dafür, dass der Gig auf jeden Fall unterhält. Interessant auch, dass die Lieder im Verlaufe des Sets immer länger werden und der Großstadtdiss der Hamburger in Richtung Kiel ist eher augenzwinkernd denn bierernst. Ein schöner Auftakt.

Keine Zähne im Maul Aber La Paloma Pfeifen bieten dann ihre interessanteMischung irgendwo zwischen Wave, NDW, Punk sowie Ironie (textlich) und Schrägheit (musikalisch). Im Gegensatz zu früher nervt mich der Abwechlunsgreichtum und die Brüche nicht so sehr, sondern unterhalten eher, vor allem die NDW-Anklänge wissen zu begeistern. Auch die spärliche Kulisse bringt die Band nicht aus der Ruhe, das Programm wird konsequent und vor allem souverän durchgezogen. Nichts, was ich mir zuhause anhören würde, aber live durchaus unterhaltsam.

„Das ist aber eigentlich kein Grindcore“ – treffende und kurze Aussage zu Mörser. Heute als relativ normale Band, da der dritte Sänger laut den Ansagen der beiden anderen irgendwas zwischen Fieber und EHEC hat, fahren die Bremer trotzdem ein ordentliches Brett auf. Der Wechselgesang wirkt schön brutal, Death-Metal-Riffs treffen auf Grindcoreblasts und heavy Midtemp. Die erstmals gut gefüllte Halle honoriert diese Abrissbirne, so dass von Anfnag bis Ende das Energielevel konstant am Anschlag ist. Der bislang beste Auftritt des Abends.

Fieserweise könnte mensch behaupten, dass die Ringelshirts von Modern Pets das Auffälligste des Gigs sind. Musikalisch solls ja 77′-Punk sein, mich erinnert es viel mehr an Rejected Youth ohne deren Gespür für eingängige Melodien. Sprich, ein durchaus gefälliger Auftritt, der aber völlig an mir vorbei rauscht. Aber da ich eh kein Experte für diese Art Musik bin, könnte mein Fazit auch völlig falsch sein. Sympathisch sind die Jungs auf jeden Fall und der Mob zollt auch Beifall.

Zum Abschluss brechen dann wirklich alle Dämme. Die Gorilla Bierkids und ihre Punk- und Metalkaraoke sorgen nicht nur dafür, dass sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums die Lampen ausschießt, sondern auch dafür, dass so mancher Song im völlig neuen Gewand erscheint. Von verdammt orginalgetreu bis zum totalen Absturz ist alles dabei, alles kongenial von Moderator und Teilzeitsänger (in einen weißen Anzug, Typ: schmieriger Animateur auf Seniorenkreuzfahrten) zusammen gehalten. Seine Art trifft zwar nicht bei allen auf Gegenliebe, aber er hat das um sich greifende Chaos bis zum Abschluss ‚T.N.T.‘ gut im Griff. Die Instrumentalfraktion erweist sich ebenfalls als souverän, alles in allem ein würdiger Abschluss eines ingesamt großartigen Festivals.

Ein kurzes Fazit sei noch gestattet, bis auf die umstrittende Essenssituation (die Stimmen zum Vegan Wonderland-Essen deckten die ganze Palette ab) ein rundum gelungenes Festival, tolle Auftritte, entspanntes Publikum (nur zu wenig Leute am Samstag) und eine schöen Atmosphäre. Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung!

Kiel Explode Festival, Tag 1 (17.06., Alte Meierei, Kiel)

Mitte Juni, das bedeutet in Kiel Ausnahmezustand, denn die Kieler Woche beginnt. Neben den ganzen Segelwettbewerben bedeutet das auch ein kommerzielles Abzockevent voll von miesen Bands, überteuerten Essens- und Getränkepreisen sowie haufenweise Unsympath_innen in der Stadt. Wie gut, dass es dieses Jahr (wenn auch terminlich eher zufällig) das Kiel Explode Festival gibt, dass an zwei Tagen in der Alten Meierei statt findet und eine sinnvolle Alternative zum kommerziellen Schrott der Kieler Woche bietet.
Meierei-typisch natürlich auch, dass der pünktliche Beginn um sechs nicht eingehalten wird. Zeit also, mal zu gucken, was es noch so gibt. Neben einem Stand von Narshardaa Records, wo die eine oder andere Vinylperle feil geboten wird, sorgt die Vegan-Wonderland-Crew für das Essen. Am ersten Tag gibt es einen veganen Cheeseburger, lecker, aber zu wenig, so der ziemlich einhellige Tenor und für drei Euro auch nicht gerade günstig. Zumindest das Käseangebot sorgt aber teilweise für Begeisterungsstürme bei den Besucher_innen. Aber genug davon, es geht dann nämlich auch los. Und, um das schon mal vorwegzunehmen, es wird eine musikalische Tour quer durch Zeit und Genres geboten, alles im weitesten Sinne im Punk/Hardcore-Underground verwurzelt.

Yfere haben als Opener erstmal das Pech auf ihrer Seite, denn gleich beim ersten Lied reißt eine Gitarrensaite. Also wird nochmal von vorne angefangen. Und wenn auch nach dem Konzert eher kritische Stimmen zu hören sind, das Gebotene wird als solide bis gut beurteilt und der Sänger wird als Unsympath bezeichnet, dessen Bühnenshow aufgesetzt wirkt, so ist das meiner Meinung nach ein richtig starker Auftritt des Quartetts. Brachialer Screamo mit deutlicher Black-Metal-Kante wird dargeboten, der Sänger klingt entweder verzweifelt oder kreischt in bester BM-Manier, es geht ganz schön vertrackt zu, trotzdem klingt das ziemlich brutal und plättet den Zuhörer ganz schön, das Schlagzeug ballert ordentlich und die Saitenfraktion sorgt für eine amtlich-riffige wall of sound.
Pluspunkte gibt es für die selbstironischen Ansagen, den missglückten Hechtsprung des Sängers und dessen Abgehen und Herumwälzen vor und auf der Bühne. Und immerhin zu Höflichkeitsapplaus lässt sich das eher Abstand haltende Publikum hinreißen. Und auch wenn eine zweite Saite reißt, so sind Yfere für mich und meinen von verschiedenen Seiten attestierten Antigeschmack eins der Highlights des Wochenendes.

Als nächstes sind dann Tackleberry dran, Kiels erste Instanz, wenn es darum geht, Hardcore mit ordentlicher Punkkante zu spielen. Und irgendwie ist der Auftritt komisch. Das liegt noch nicht mal an den kaum auffallenden Missverständnissen oder gar den Songs, hier ist alles wie immer, mit reichlich Energie gehen die Jungs zu Werke, sondern dass ich eigentlich die ganze Zeit darauf warte, dass der Auftritt von gut zu richtig geil umschwenkt. Und auch wenn Sänger Hannes ansagentechnisch in Topform ist, auf die Antifa-Kundgebung am nächsten Tag in Friedrichsort hinweist, die KN und Bundswehrsoldaten disst, die ganz überrascht vom Krieg in Afghanistan sind und Heidi Klum als Antimensch hinstellt und die drei neuen Songs sich harmonisch ins Set einfügen, so ist der ganze Spaß doch recht schnell wieder vorbei. Klar, ein kurz-knackiger Auftritt muss nichts Schlechtes sein und das hier ist auch ein bisschen Jammern auf hohem Niveau, aber so richtig großartig sind Tackleberry heute nicht. Trotzdem natürlich gut und das neue Shirt in Black-Metal-Optik kann alles!

So, dann ist endlich Zeit für Crust. Obwohl, so richtig Kruste sind Alpinist ja nun nicht. Musikalisch eh schultertief im Neocrustsound hängend, ist auch optisch eher Studentenhardcore denn Nieten-Dreads-Siff-Kruste angesagt. Ändert aber nichts daran, dass die Münsteraner wohl mit das Beste sind, was es in Sachen Crust zur Zeit in Deutschland gibt. Tonnenweise düstere Melodien, massives D-Beat-Geschepper, Gebrüll und ganz viel Geschrei, dazu die eine oder andere ruhigere Passage, alles dargeboten in Dunkelheit (auf eine Lightshow verzichtet die Band), das alles sorgt für ordentlich Action im Publikum. Es wird gepogt und die zum Teil schon leicht gräulichen Haare fliegen gelassen sowie lautstark Beifall kundgetan. Ansagen gibt es kaum, dafür ordentlich Gitarrengefiepe, auch gut. Ein Song ist besser als der andere, kein Wunder also, dass Alpinist als erste Gruppe eine Zugabe spielen müssen.
Alles in allem ein richtig guter Auftritt, für meinen Geschmack sogar der beste des gesamten Wochenendes. Schön auch, dass die Band ihr Merch draußen auf dem Auto ausbreitet und verkauft, wobei auch dem Crust sonst eher wenig zugetane Menschen ob der grandiosen Show gerne zuschlagen.

Dann kommt ein doch eher abrupter Stilwechsel. Gifts From Enola sind die experimentellste Band des Abends, verzichten weitestgehend auf Gesang und bauen eher auf die Kraft der sich langsam entwickelnden Soundwand. Sphärische Sounds treffen auf mächtige Riffs, rockende Passagen auf eher ruhigere Momente, es wird gerne mal bedächtig aufgebaut, nur um dann den Schalter umzulegen und richtig Gas zu geben. Lange Songs laden zum Schwelgen ein, zum andächtigen Lauschen oder halt auch zum Mitgehen und Headbangen. Auch wenn die Urgewalt einer Band wie Isis hier durch progressive Spielereien ersetzt wird, so ist der Postrock der Amis alles andere als weichgespült oder gar langweilig. Sehr cool auch, dass die Band in ihren Songs aufgeht und das Synchronbangen des Bassisten und des vollbärtigen (diese Art Bands gibt es einfach nicht ohne Bartträger) Gitarristen.
Nach dem letzten Song bricht dann auch ein wahrer Begeisterungssturm los, der das Quartett sichtlich freut, so sehr, dass gleich noch eine ca. zehnminütige Zugabe rausgehauen wird. Wenn auch einzelne Vertreter der Punkfraktion sich spontan zu einem „scheußlich“ hin reißen lassen (flugs revidiert durch ein sinngemäßes „Ist halt nicht mein Ding“), so ist der Gig doch verdammt gut und mitreißend und die Band sehr symapthisch. Das zeigt sich auch beim Merchverkauf, wo der Drummer für jeden ein paar freundliche Sätze übrig hat und sich zigmal bedankt.

Beim nun folgenden fällt mir ein Urteil sichtlich schwer. Die ersten beiden Alben von Escapado finde ich bis heute großartig, mit dem neuen Album bin ich bis heute nicht warm geworden. Und eigentlich stimmt beim Auftritt auch vieles. Bis auf den zu lauten Bass ist der Sound gut, die Menge vor der Bühne tobt und feiert und die Songauswahl hält geschickt die Balance zwischen alt und neu. Trotzdem ist das eine furchtbare Show und die Demontage einer einstmals richtig guten Band. Der neue Sänger kann einfach nichts. Sein Schreien klingt aufgesetzt, sein Gesang ist bestenfalls mittelmäßig. „Der soll sich doch eine Boyband suchen“ meint ein Kumpel nach drei Songs und verlässt die Halle. Ich harre bis zum Schluss aus, aber es wird nicht besser. Das mögen viele anders sehen, für mich sind Escapado nur noch eine halbgare Screamo-Hardcoreband unter vielen, das Einzigartige ist völlig weg. Meine persönliche Enttäuschung des Wochenendes.

Zum Abschluss hat sich die Halle mittlerweile geleert, sechs Bands sind auch nicht ohne. Aber Deep Sleep mobilisieren zumindest bei der Gaardener Punkfraktion nochmal die letzten Reserven. Angekündigt als ’77-Punk, verorten Kenner der Marterie die Band doch eher im frühen kalifornischen Hardcore-Punk. Im Anderthalb- bis Zwei-Minuten-Takt wird ein ein Smasher nach dem nächsten rausgehauen, immer schön auf Anschlag, nur zeitweise von ein bißchen Midtempo unterbrochen.
Das ist zwar nichts Neues, macht aber zu dieser späten Stunde verdammt viel Spaß, das findet auch der pogende Punkermob vor der Bühne. Folgerichtig fordern die Anwesenden dann auch noch eine Zugabe, was fast am Schlagzeuger scheitert, der nach dem Ende des regulären Sets konsequent anfängt abzubauen und vom Rest der Band erstmal zum Weiter machen überredet werden muss. Nachdem Deep Sleep dann alle Songs, die sie kennen, gespielt haben, ist dann aber endgültig Schluss. Das Prädikat „beste Band des Abends“ ist häufiger zu hören und auch wenn ich nicht so weit gehen würde, so ist das ein schöner Abschluss eines langen, abwechslungsreichen und musikalisch verdammt spannenden und interessanten Tages.

Morne, Appalachian Terror Unit, All Or Nothing HC (13.06, Hafenklang, Hamburg)

Seit ihrem ersten Demo 2008, spätestens aber seit ihrem ersten Album „Untold Wait“ (‚Machine‘ ist einer der besten Songs überhaupt) und ihrer absolut fantastischen Show in der Alten Meierei im August 2009 zählen Morne zu meinen absoluten Lieblingsbands. Der Vorabtrack des neuen Albums „Asylum“ namens ‚My Return‘ verspricht auch schon Großes, so dass ein Konzertbesuch quasi Pflicht ist, zumal das Rahmenprogramm mit Appalachian Terror Unit und All Or Nothing HC einen abwechslungsreichen Abend verspricht.

Als erstes dürfen dann All Or Nothing HC in dem doch sehr spärlich gefüllten Hafenklang auf die Bühne. Und die Band macht ihre Sache ziemlich gut. Bei den ersten Songs wirkt das Quartett zwar noch etwas steif, aber dann taut vor allem Sängerin Renae mehr und mehr auf. Sie steht mehr vor als auf der Bühne, interagiert mit dem Publikum, die Ansagen werden auch länger und ausführlicher und strahlt vor allem mehrmals übers ganze Gesicht, ein Zeichen dafür, wieviel Spaß sie hat.
Auch ihre Gestik und Mimik, mit der Lieder untermalt werden, wirkt nie übertrieben, sondern passt perfekt. Die Mützenfraktion an den Saiten nutzt den Platz auf der Bühne gut aus und untermalt den wütend-angepissten Hardcore/Punk mit ordentlich Bewegung. Und Songs wie ‚California Bleeding‘ oder ‚Solidarity‘ sind halt auch einfach gut. Highlight ist aber definitiv das abschließende ‚They Are We‘, dessen Refrain mir noch Tage später im Kopf rumschwirrt. Definitiv ein guter Auftritt.

„We are Appalachain Terror Unit and we play crust“ – passender und treffender kann mensch das nun folgende wohl kaum beschreiben. Die Amis hängen zum einen knietief im Thrash Metal, zum anderen halt im Oldschool-Krustensound, quasi eine aufgemotzte Version von Nausea. Ansagen gibt es nur ein paar, auch eher kurz gehalten, dafür regiert hier ein Riffmassaker (Melodien? Hahaha) sondergleichen, die Gitarre ist echt verdammt laut und sägt und sägt und sägt. Sehr schön auch der Bassist, der im guten, alten Ausfallschritt bangt wie ein Berserker.
Ist zwar so originell wie geschnittenes Brot und auch null anspruchsvoll, ich finde es aber echt super. So muss metallischer Crust klingen! Für Menschen, die mit Crust wenig bzw. gar nichts anfangen können und auch nicht metalaffin sind, dürfte das aber nach spätestens drei Songs langweilig werden. Wie auch immer, dank des gnadenlosen Riffmassakers und des wirklich guten Frau-/Mann-Wechselkreischens ein astreiner Gig. Würd ich mir jederzeit wieder angucken.

Aber jetzt zum eigentlichen Grund meines Kommens, Morne. Was als erstes auffällt, dass die Band jetzt einen festen Keyboarder dabei hat, das konnte mensch aber nach den ersten Hörproben des neuen Albums schon erwarten. Das ist auch das einzige Manko des Gigs, dass das Keybaord phasenweise echt zu laut ist. Ansonsten steht der Anfang des Konzerts ganz im Zeichen des neuen Albums „Asylum“. Und es ist schon ein Stilwechsel auszumachen. Schleppender und experimenteller, vor allem der zweite Song, sind sie geworden, dabei auch düsterer, hypnotischer und heavier. Phansenweise bauen Morne eine gewaltige Soundwand auf, die den Hörer ordentlich plättet.
Andererseits sorgen die Wiederholungen auch für eine hypnotische Stimmung, die die Anwesenden unweigerlich in ihren Bann zieht. Mit ‚Twilight Burns‘ läutet die Band dann die zweite Hälfte des Sets ein und zeigt, dass sie ihre Roots nicht verleugnen. Was für Riffs! Und der Abschluss toppt dann eh alles. Das absolut phänomenale ‚Machine‘ mit dem großartigen Break nach zwei Minuten ist live nochmals um Längen besser als auf Platte und einen besseren Ausklang als ‚My Return‘ ist kaum vorstellbar. Nach einer Stunde ist dann Schluss und Morne haben ihren oben erwähnten Status mehr als eindrucksvoll bestätigt. Definitiv mein Konzert des Jahres!
Einziger Wermutstropfen: allenfalls optimistisch geschätzte fünfzig anwesende Gäste sind für so ein großartiges, abwechslungsreiches Konzert definitiv viel zu wenig.

Vladimir Harkonnen, Affenmesserkampf, Chaos Control, And Then They Run (10.06.2011, Alte Meierei, Kiel)

Die Rotten Sprotten Crew, Kiels umtriebigste Konzertgruppe, wenn es um Punk geht, hatte zur Feier der Veröfffentlichung des „Buschmesser, Äxte, Alles“-Samplers (Review folgt) an zwei Tagen zur Releaseparty in die Meierei geladen. Keine Frage, dass darf mensch sich nicht entgehen lassen.
Als ich um kurz nach halb zehn eintreffe, ist zwar schon was los, der große Andrang sieht aber anders aus. Auch für den Rest des Abends lässt sich festhalten, dass die Meierei zwar gut, aber nicht übermäßig gefüllt ist. Das schlägt sich zwar negativ auf die Absatzzahlen des Samplers nieder (Schande über eure Häupter, falls ihr das Ding immer noch nicht habt), sorgt aber für eine entspannte Konzertatmosphäre.

Zu And Then They Run kann ich gar nicht allzu viel sagen, da ich aufgrund von Gesprächen nur die letzten zwei Songs des Konzerts vollständig sehe und höre. Was ich aber draußen als Hintergrundbeschallung und zum Schluss mitbekomme, klingt wider Erwarten doch gut. Metalcore ist eigentlich voll 2008, sprich, vollkommen ausgelutscht, aber die Jungs schaffen es, eine eigene Note einzubringen und vor allem, gute Songs mit einigen schönen Schädelspalterriffs zu schreiben. Trotz der eingeschränkten Wahrnehmung meinerseits ein auch laut Augenzeugen gelungener Auftritt.

Als nächstes folgen die altgedienten und runderneuerten Gaarden-Punks Chaos Control. Und das macht richtig Spaß. Punk halt, druckvoll, energisch, schnörkellos. Kein Melodiemassaker, aber halt auch keine blasse Kopie alter Helden. Es wird ordentlich Gas gegeben, aber halt auch mal einen Gang runtergeschaltet, alles im Format kurz und knackig. Sänger und Gitarrist Moe kann wie immer mit seinen Ansagen glänzen und die den Gig durchziehende Marotte, dass nie so ganz klar ist, wer jetzt wann anfängt, sorgt zwar für so manchen Fehlstart, ist aber genau der Grad von fehlender Perfektion, der Punks wie Chaos Control so sympathisch wirken lässt. Sehr schöner Gig!

Dann folgt aber zumindest mein persönliches Highlight des Abends, denn was Affenmesserkampf bieten, ist wirklich der Wahnsinn. Outfittechnisch kann Sänger Hannes mit seiner prolligen Sonnenbrille schon mal gut punkten, wird aber noch von Gitarrist Leif getoppt, der bei Jürgen von der Lippe-Ähnlichkeitswettbewerben gute Chancen auf vordere Platzierungen hätte. Dazu kommt die ganze Zeit ein auf der Bühne rumhänger Mensch im Affenkostüm. Musikalisch ist natürlich Hannes Stimme schön prägnant, auch wenn er nicht so schreit wie bei Tackleberry, dazu kommt lässiger Punkrock, gerne auch mal melodischer und nicht so krawallig, aber immer noch gut Arsch tretend. Und mit ‚Ein deutsches Herz hat aufgehört zu schlagen‘ und ‚Gut aber kacke‘, um mal zwei zu nennen, haben Affenmesserkampf auch den einen oder anderen Hit im Programm.
Die Ansagen dissen wahlweise das Hurricane oder die Ryker’s, der alte Gitarrist Nico kommt für einen Song zurück, muss sich aber seine Kündigung per E-Mail vorhalten lassen und Hannes sorgt bei Mikroständertausch mit seinem Gitarristen dafür, dass dessen Mikro so bei 1,30m zu finden ist. Aber ist eh schwer zu beschreiben, Affenmesserkampf muss mensch einfach gesehen haben, absolut großartige Show.

Den Abschluss bilden dann Vladimir Harkonnen. Und auch wennn Philipp und Co. an diesem Abend zweiter Sieger bleiben, so kann ich einfach nichts Schlechtes über die Show sagen. Ganz im Gegenteil, der Mix aus Hardcore und Thrash Metal wird wie immer mit ordentlich Energie und Bewegung vorgetragen, Philipp wälzt sich sogar auf dem Boden der Meierei, gibt also wie immer alles und musikalisch lässt das Quintett eh nichts anbrennen. Mitsinghymnen wie ‚Roadkill BBQ‘ und ‚Party Of The Damned‘ ergänzen sich perfekt mit neuen Krachern wie ‚Irukandji‘ oder ‚Frontex Fuckers‘, vor der Bühne wird auf jeden Fall gut gefeiert und gepogt. Darüber hinaus erfahren wir noch, dass Affenmesserkampf jetzt schon zu didaktischen Ehren im Deutschunterricht kommen, um dafür zu sorgen, dass bei Erörterungen Philipp nicht immer so viele Vieren verteilen muss. Und da sage noch eine_r, Pädagogen seien nicht zu unkonventionellen Methoden fähig. Aber genug davon, Vladimir Harkonnnen sind auf jeden Fall ein würdiger Headliner und Abschluss eines rundum gelungenen Abends.