Archiv der Kategorie 'Crust'

Kiel Explode Festival, Tag 1 (17.06., Alte Meierei, Kiel)

Mitte Juni, das bedeutet in Kiel Ausnahmezustand, denn die Kieler Woche beginnt. Neben den ganzen Segelwettbewerben bedeutet das auch ein kommerzielles Abzockevent voll von miesen Bands, überteuerten Essens- und Getränkepreisen sowie haufenweise Unsympath_innen in der Stadt. Wie gut, dass es dieses Jahr (wenn auch terminlich eher zufällig) das Kiel Explode Festival gibt, dass an zwei Tagen in der Alten Meierei statt findet und eine sinnvolle Alternative zum kommerziellen Schrott der Kieler Woche bietet.
Meierei-typisch natürlich auch, dass der pünktliche Beginn um sechs nicht eingehalten wird. Zeit also, mal zu gucken, was es noch so gibt. Neben einem Stand von Narshardaa Records, wo die eine oder andere Vinylperle feil geboten wird, sorgt die Vegan-Wonderland-Crew für das Essen. Am ersten Tag gibt es einen veganen Cheeseburger, lecker, aber zu wenig, so der ziemlich einhellige Tenor und für drei Euro auch nicht gerade günstig. Zumindest das Käseangebot sorgt aber teilweise für Begeisterungsstürme bei den Besucher_innen. Aber genug davon, es geht dann nämlich auch los. Und, um das schon mal vorwegzunehmen, es wird eine musikalische Tour quer durch Zeit und Genres geboten, alles im weitesten Sinne im Punk/Hardcore-Underground verwurzelt.

Yfere haben als Opener erstmal das Pech auf ihrer Seite, denn gleich beim ersten Lied reißt eine Gitarrensaite. Also wird nochmal von vorne angefangen. Und wenn auch nach dem Konzert eher kritische Stimmen zu hören sind, das Gebotene wird als solide bis gut beurteilt und der Sänger wird als Unsympath bezeichnet, dessen Bühnenshow aufgesetzt wirkt, so ist das meiner Meinung nach ein richtig starker Auftritt des Quartetts. Brachialer Screamo mit deutlicher Black-Metal-Kante wird dargeboten, der Sänger klingt entweder verzweifelt oder kreischt in bester BM-Manier, es geht ganz schön vertrackt zu, trotzdem klingt das ziemlich brutal und plättet den Zuhörer ganz schön, das Schlagzeug ballert ordentlich und die Saitenfraktion sorgt für eine amtlich-riffige wall of sound.
Pluspunkte gibt es für die selbstironischen Ansagen, den missglückten Hechtsprung des Sängers und dessen Abgehen und Herumwälzen vor und auf der Bühne. Und immerhin zu Höflichkeitsapplaus lässt sich das eher Abstand haltende Publikum hinreißen. Und auch wenn eine zweite Saite reißt, so sind Yfere für mich und meinen von verschiedenen Seiten attestierten Antigeschmack eins der Highlights des Wochenendes.

Als nächstes sind dann Tackleberry dran, Kiels erste Instanz, wenn es darum geht, Hardcore mit ordentlicher Punkkante zu spielen. Und irgendwie ist der Auftritt komisch. Das liegt noch nicht mal an den kaum auffallenden Missverständnissen oder gar den Songs, hier ist alles wie immer, mit reichlich Energie gehen die Jungs zu Werke, sondern dass ich eigentlich die ganze Zeit darauf warte, dass der Auftritt von gut zu richtig geil umschwenkt. Und auch wenn Sänger Hannes ansagentechnisch in Topform ist, auf die Antifa-Kundgebung am nächsten Tag in Friedrichsort hinweist, die KN und Bundswehrsoldaten disst, die ganz überrascht vom Krieg in Afghanistan sind und Heidi Klum als Antimensch hinstellt und die drei neuen Songs sich harmonisch ins Set einfügen, so ist der ganze Spaß doch recht schnell wieder vorbei. Klar, ein kurz-knackiger Auftritt muss nichts Schlechtes sein und das hier ist auch ein bisschen Jammern auf hohem Niveau, aber so richtig großartig sind Tackleberry heute nicht. Trotzdem natürlich gut und das neue Shirt in Black-Metal-Optik kann alles!

So, dann ist endlich Zeit für Crust. Obwohl, so richtig Kruste sind Alpinist ja nun nicht. Musikalisch eh schultertief im Neocrustsound hängend, ist auch optisch eher Studentenhardcore denn Nieten-Dreads-Siff-Kruste angesagt. Ändert aber nichts daran, dass die Münsteraner wohl mit das Beste sind, was es in Sachen Crust zur Zeit in Deutschland gibt. Tonnenweise düstere Melodien, massives D-Beat-Geschepper, Gebrüll und ganz viel Geschrei, dazu die eine oder andere ruhigere Passage, alles dargeboten in Dunkelheit (auf eine Lightshow verzichtet die Band), das alles sorgt für ordentlich Action im Publikum. Es wird gepogt und die zum Teil schon leicht gräulichen Haare fliegen gelassen sowie lautstark Beifall kundgetan. Ansagen gibt es kaum, dafür ordentlich Gitarrengefiepe, auch gut. Ein Song ist besser als der andere, kein Wunder also, dass Alpinist als erste Gruppe eine Zugabe spielen müssen.
Alles in allem ein richtig guter Auftritt, für meinen Geschmack sogar der beste des gesamten Wochenendes. Schön auch, dass die Band ihr Merch draußen auf dem Auto ausbreitet und verkauft, wobei auch dem Crust sonst eher wenig zugetane Menschen ob der grandiosen Show gerne zuschlagen.

Dann kommt ein doch eher abrupter Stilwechsel. Gifts From Enola sind die experimentellste Band des Abends, verzichten weitestgehend auf Gesang und bauen eher auf die Kraft der sich langsam entwickelnden Soundwand. Sphärische Sounds treffen auf mächtige Riffs, rockende Passagen auf eher ruhigere Momente, es wird gerne mal bedächtig aufgebaut, nur um dann den Schalter umzulegen und richtig Gas zu geben. Lange Songs laden zum Schwelgen ein, zum andächtigen Lauschen oder halt auch zum Mitgehen und Headbangen. Auch wenn die Urgewalt einer Band wie Isis hier durch progressive Spielereien ersetzt wird, so ist der Postrock der Amis alles andere als weichgespült oder gar langweilig. Sehr cool auch, dass die Band in ihren Songs aufgeht und das Synchronbangen des Bassisten und des vollbärtigen (diese Art Bands gibt es einfach nicht ohne Bartträger) Gitarristen.
Nach dem letzten Song bricht dann auch ein wahrer Begeisterungssturm los, der das Quartett sichtlich freut, so sehr, dass gleich noch eine ca. zehnminütige Zugabe rausgehauen wird. Wenn auch einzelne Vertreter der Punkfraktion sich spontan zu einem „scheußlich“ hin reißen lassen (flugs revidiert durch ein sinngemäßes „Ist halt nicht mein Ding“), so ist der Gig doch verdammt gut und mitreißend und die Band sehr symapthisch. Das zeigt sich auch beim Merchverkauf, wo der Drummer für jeden ein paar freundliche Sätze übrig hat und sich zigmal bedankt.

Beim nun folgenden fällt mir ein Urteil sichtlich schwer. Die ersten beiden Alben von Escapado finde ich bis heute großartig, mit dem neuen Album bin ich bis heute nicht warm geworden. Und eigentlich stimmt beim Auftritt auch vieles. Bis auf den zu lauten Bass ist der Sound gut, die Menge vor der Bühne tobt und feiert und die Songauswahl hält geschickt die Balance zwischen alt und neu. Trotzdem ist das eine furchtbare Show und die Demontage einer einstmals richtig guten Band. Der neue Sänger kann einfach nichts. Sein Schreien klingt aufgesetzt, sein Gesang ist bestenfalls mittelmäßig. „Der soll sich doch eine Boyband suchen“ meint ein Kumpel nach drei Songs und verlässt die Halle. Ich harre bis zum Schluss aus, aber es wird nicht besser. Das mögen viele anders sehen, für mich sind Escapado nur noch eine halbgare Screamo-Hardcoreband unter vielen, das Einzigartige ist völlig weg. Meine persönliche Enttäuschung des Wochenendes.

Zum Abschluss hat sich die Halle mittlerweile geleert, sechs Bands sind auch nicht ohne. Aber Deep Sleep mobilisieren zumindest bei der Gaardener Punkfraktion nochmal die letzten Reserven. Angekündigt als ’77-Punk, verorten Kenner der Marterie die Band doch eher im frühen kalifornischen Hardcore-Punk. Im Anderthalb- bis Zwei-Minuten-Takt wird ein ein Smasher nach dem nächsten rausgehauen, immer schön auf Anschlag, nur zeitweise von ein bißchen Midtempo unterbrochen.
Das ist zwar nichts Neues, macht aber zu dieser späten Stunde verdammt viel Spaß, das findet auch der pogende Punkermob vor der Bühne. Folgerichtig fordern die Anwesenden dann auch noch eine Zugabe, was fast am Schlagzeuger scheitert, der nach dem Ende des regulären Sets konsequent anfängt abzubauen und vom Rest der Band erstmal zum Weiter machen überredet werden muss. Nachdem Deep Sleep dann alle Songs, die sie kennen, gespielt haben, ist dann aber endgültig Schluss. Das Prädikat „beste Band des Abends“ ist häufiger zu hören und auch wenn ich nicht so weit gehen würde, so ist das ein schöner Abschluss eines langen, abwechslungsreichen und musikalisch verdammt spannenden und interessanten Tages.

Morne, Appalachian Terror Unit, All Or Nothing HC (13.06, Hafenklang, Hamburg)

Seit ihrem ersten Demo 2008, spätestens aber seit ihrem ersten Album „Untold Wait“ (‚Machine‘ ist einer der besten Songs überhaupt) und ihrer absolut fantastischen Show in der Alten Meierei im August 2009 zählen Morne zu meinen absoluten Lieblingsbands. Der Vorabtrack des neuen Albums „Asylum“ namens ‚My Return‘ verspricht auch schon Großes, so dass ein Konzertbesuch quasi Pflicht ist, zumal das Rahmenprogramm mit Appalachian Terror Unit und All Or Nothing HC einen abwechslungsreichen Abend verspricht.

Als erstes dürfen dann All Or Nothing HC in dem doch sehr spärlich gefüllten Hafenklang auf die Bühne. Und die Band macht ihre Sache ziemlich gut. Bei den ersten Songs wirkt das Quartett zwar noch etwas steif, aber dann taut vor allem Sängerin Renae mehr und mehr auf. Sie steht mehr vor als auf der Bühne, interagiert mit dem Publikum, die Ansagen werden auch länger und ausführlicher und strahlt vor allem mehrmals übers ganze Gesicht, ein Zeichen dafür, wieviel Spaß sie hat.
Auch ihre Gestik und Mimik, mit der Lieder untermalt werden, wirkt nie übertrieben, sondern passt perfekt. Die Mützenfraktion an den Saiten nutzt den Platz auf der Bühne gut aus und untermalt den wütend-angepissten Hardcore/Punk mit ordentlich Bewegung. Und Songs wie ‚California Bleeding‘ oder ‚Solidarity‘ sind halt auch einfach gut. Highlight ist aber definitiv das abschließende ‚They Are We‘, dessen Refrain mir noch Tage später im Kopf rumschwirrt. Definitiv ein guter Auftritt.

„We are Appalachain Terror Unit and we play crust“ – passender und treffender kann mensch das nun folgende wohl kaum beschreiben. Die Amis hängen zum einen knietief im Thrash Metal, zum anderen halt im Oldschool-Krustensound, quasi eine aufgemotzte Version von Nausea. Ansagen gibt es nur ein paar, auch eher kurz gehalten, dafür regiert hier ein Riffmassaker (Melodien? Hahaha) sondergleichen, die Gitarre ist echt verdammt laut und sägt und sägt und sägt. Sehr schön auch der Bassist, der im guten, alten Ausfallschritt bangt wie ein Berserker.
Ist zwar so originell wie geschnittenes Brot und auch null anspruchsvoll, ich finde es aber echt super. So muss metallischer Crust klingen! Für Menschen, die mit Crust wenig bzw. gar nichts anfangen können und auch nicht metalaffin sind, dürfte das aber nach spätestens drei Songs langweilig werden. Wie auch immer, dank des gnadenlosen Riffmassakers und des wirklich guten Frau-/Mann-Wechselkreischens ein astreiner Gig. Würd ich mir jederzeit wieder angucken.

Aber jetzt zum eigentlichen Grund meines Kommens, Morne. Was als erstes auffällt, dass die Band jetzt einen festen Keyboarder dabei hat, das konnte mensch aber nach den ersten Hörproben des neuen Albums schon erwarten. Das ist auch das einzige Manko des Gigs, dass das Keybaord phasenweise echt zu laut ist. Ansonsten steht der Anfang des Konzerts ganz im Zeichen des neuen Albums „Asylum“. Und es ist schon ein Stilwechsel auszumachen. Schleppender und experimenteller, vor allem der zweite Song, sind sie geworden, dabei auch düsterer, hypnotischer und heavier. Phansenweise bauen Morne eine gewaltige Soundwand auf, die den Hörer ordentlich plättet.
Andererseits sorgen die Wiederholungen auch für eine hypnotische Stimmung, die die Anwesenden unweigerlich in ihren Bann zieht. Mit ‚Twilight Burns‘ läutet die Band dann die zweite Hälfte des Sets ein und zeigt, dass sie ihre Roots nicht verleugnen. Was für Riffs! Und der Abschluss toppt dann eh alles. Das absolut phänomenale ‚Machine‘ mit dem großartigen Break nach zwei Minuten ist live nochmals um Längen besser als auf Platte und einen besseren Ausklang als ‚My Return‘ ist kaum vorstellbar. Nach einer Stunde ist dann Schluss und Morne haben ihren oben erwähnten Status mehr als eindrucksvoll bestätigt. Definitiv mein Konzert des Jahres!
Einziger Wermutstropfen: allenfalls optimistisch geschätzte fünfzig anwesende Gäste sind für so ein großartiges, abwechslungsreiches Konzert definitiv viel zu wenig.

R.I.P.!

Und wieder einmal sind zwei Musiker gestorben, deren Musik nicht nur mir viel bedeutet hat. In diesem Sinne ist dieser Eintrag mein Tribut an die beiden.

Zum einen an Henrik Fryman, Bassist bei Disfear. Die Schweden sind wohl das seltene Beispiel dafür, dass ein Stilwechsel nicht unbedingt schlecht sein muss. Gestartet als wütendes D-Beat-/Crust-Massaker, entwickelte sich der Sound nach dem Einstieg von Tomppa (Skitsystem, At The Gates, The Great Deceiver) zu einem dreckigen Gemisch aus viel Crust, viel Rock‘n'Roll und ein kleines bißchen Metal. Henrik war als Urgestein von Anfang an dabei. Er verlor Ende März den Kampf gegen den Krebs. Hier ein Livevideo vom Obscene Extreme und dazu noch das völlig großartige ‚Powerload‘. R.I.P. Henrik!

Jetzt zu einem völlig konträren Musiker: Scott Columbus, ehemals Schlagzeuger bei Manowar. Und ja, auch ich empfinde Manowar mittlerweile als Karikatur ihrer selbst, musikalisch nur noch ein Schatten früherer Tage und vom Auftreten her völlig peinlich. Trotzdem hat die Band mehrere großartige Alben veröffentlicht, unter anderem „Hail To England“ mit eben jenem Scott Columbus am Schlagzeug. Am Dienstag ist Scott nun gestorben. Hier jetzt ein Livevideo von ‚Blood Of My Enemies‘, Opener des eben schon erwähnten Albums. R.I.P. Scott!

R.I.P. Phil Vane!

Vor kurzem ist Phil Vane, Sänger der britischen Crustgrinder Extreme Noise Terror gestorben. Die Beerdigung ist laut Website für den 15. März angesetzt. Ein trauriger Verlust. Mensch kann jetzt sicherlich über ENT streiten und ob ihr zwischenzeitlicher Wechsel hin zu stumpf saufendem Death Metallern noch Punk ist oder was mit Integrität zu tun hat, auch die ‚Murder‘-Frage (einer DER Songs der Band, beschäftigt sich inhaltlich mit Massentierhaltung) wurde ja immer kontrovers diskutiert. Trotzdem ist das letzte Album „Law Of Retaliation“ immer noch verdammt gut. Wie dem auch sei, als Erinnerung an Phil Vane hier ein Livemitschnitt vom Obscene Extreme-Festival 2008.

Legal und für lau(2): I love D-Beat!

Ziel dieser Rubrik ist es, auf legale Downloadmöglichkeiten hinzuweisen, die darüber hinaus noch kostenlos sind. Das soll euch natürlich nicht davon abhalten, auch ordentlich Platten oder CDs zu kaufen, nur kennen wir es ja alle, es gibt so viel gute Musik und leider zu wenig Geld, um sich das alles zu kaufen.
Dieses Mal geht es um eine der besten Bands aller Zeiten, nämlich die absolut wahnsinnig großartigen Skitsystem. Ursprünglich ein At-The-Gates-Ableger, entwickelte sich die Band schnell zu einer der besten und wichtigsten Skandi-Crust-Kapellen. Nach drei Alben und unzähligen anderen Veröffentlichungen war 2007 Schluss, bevor es 2010 eine Quasi-Reunion gab. Auch wenn ich mich immer noch ärgere, dass ich die Band damals in Kiel verpasst habe (am Montag nach dem Konzert hab ich das Plakat gesehen, der Tag war danach hinüber), vielleicht ergibt sich mit der Wiedervereinigung ja in nicht allzu ferner Zukunft nochmal eine Gelegenheit, Skitsystem zu sehen.

So, jetzt aber genug gelabert, zu den Downloads. Auf der Homepage der Band unter dem Punkt Discography steht alles bereit. „Allt E Skit“ ist die Raritätencompilation, das Debütalbum „Grå Värld – Svarta Tankar“ ist immer noch eins der besten Crustalben aller Zeiten, „Enkel Resa Till Rännstenen“ der nicht minder gute Nachfolger und „Stigmata“ ist zwar ohne Tomppa, dafür aber mit cooler Black-Metal-Schlagseite. Also fix runterladen, anhören und schön crustig dazu rumasseln!