Archiv der Kategorie 'Black Metal'

Volldeppen des Monats: Der Weg Einer Freiheit

Tja, mal wieder neues von der Grauzone, in diesem Falle von einer Band, von der mensch es im ersten Moment gar nicht erwartet hätte, Der Weg Einer Freiheit. Der zugrunde liegende Vorfall ist dabei schnell erzählt: Nazisympathisant_innen in Burzum-Shirts wird in Frankfurt der Eintritt zum Konzert aufgrund ihrer Shirts verweigert. So weit, so gut. Eher nicht so gut, dass dann wohl doch NSBM-Hörer_innen mit ihrem Nazidreck von Satanic Warmaster es aufs Konzert schaffen. Naja, mangelnde Kenntnis über NSBM-Bands ist im Metal ja nun wirklich nichts Neues, sondern leider altbekannter Standard. Das dann natürlich rumgeheult wird, ist auch nichts Neues (Nebensatz am Rande: die Endstille-Behauptung ist definitiv falsch.).
Und ebenfalls gar nichts neues, ist der Quatsch, den dann ein nicht näher benanntes Bandmitglied von Der Weg Einer Freiheit absondert:

»Hallo Vitus, ich habe deinen Beitrag sowie die zusätzlichen Kommentare gelesen! Sorry nochmal, daß dir das den Abend so vermasselt hat. Aber wie gesagt, das wurde über unseren Kopf hinweg entschieden und es nervt mich ehrlich gesagt, daß wir als 100% unpolitische Band auf einer
politischen Veranstaltung spielen. Das ist sie in meinen Augen genau dann, wenn sie unter dem Banner »gegen rechts« läuft. Nicht falsch verstehen, wir verabscheuen nationalsozialistischen und
faschistischen Abschaum aufs Äußerste und würden natürlich genauso wenig auf einer rechten Veranstaltung spielen, aber wir appelieren mit unserer Musik an das Gute im Menschen, gehen also den humanistischen Weg und nicht den politischen. Dafür habe ich mich entschieden und
dabei wird es bleiben. Wir werden uns jetzt und in Zukunft auch nicht weiter auf solche
Diskussionen einlassen. Bzw. wollen wir es versuchen, oftmals wird man ja leider regelrecht dazu gezwungen… Ich denke auch, daß es für dich/euch nochmal einige Möglichkeiten gibt, uns zu sehen! :) […]«

Mensch ist natürlich gegen Faschismus, möchte aber nicht auf Veranstaltungen spielen, wo sich explizit gegen Faschismus ausgesprochen wird. Weil, das sei ja politisch und als Band seien sie ja 100% unpolitisch. Das darin ein eklatanter Widerspruch besteht, scheint aber bei Der Weg Einer Freiheit niemand zu bemerken. Wie auch, denn es geht ja noch weiter. Das Bekenntnis zum Humanismus mutet eh schon merkwürdig an, gerade für ein Genre wie Black Metal, wo ein bestimmendes Element ja oftmals der Antihumanismus ist, die Trennung von Humanismus und Politik offenbart dann nicht nur ein eurozentrisches Weltbild, sondern auch mangelndes Geschichtswissen. Aber auch das ist im Black Metal ja nun wahrlich nichts Neues.

Bleibt also festzuhalten: Der Weg Einer Freiheit kommen über pflichtschuldige Bekenntnisse gegen Faschismus nicht hinaus, haben aber mit Politik in der Musik ihre Probleme, nicht aber mit Nazisympathisant_innen, die ihre Konzerte besuchen. Es ist wie immer in der Grauzone: fadenscheinige Lippenbekenntnisse, Intoleranz gegenüber Antifaschist_innen, Toleranz gegenüber Nazis und alles total unpolitisch. Das diese Haltung zum Kotzen ist, muss ich wohl niemandem mehr erzählen…

Party.San: Keep nazi scum out of metal?

Die letzten Tage waren für die Macher_innen des Party.San Open Airs nicht gerade schön. Nach der Bekanntgabe, dass Nile und Sargeist 2012 auf dem Festival spielen würden, entzündete sich vor allem an letzteren Kritik. Folge: Die Band wurde, nachdem sie sich weigerte, Stellung zu beziehen, wieder ausgeladen.

Kein Wunder also, dass auf Facebook der übliche Sturm der Entrüstung losbricht, allerdings über die Absage von Sargeist und nicht etwa über die Band selber. Nichts neues, das ist numal zu erwarten, wenn große Teile einer Szene wie der BM-Szene sich für die politischen Aussagen und Hintergründe von Bands und Musikern schlicht nicht interessieren bzw. mit dem fadenscheinigen Argument, dass Politik nichts in der Musik zu suchen habe, jedweder kritischen Auseinandersetzung entziehen. Hauptsache, der Nazifan bzw. -musiker säuft sein Bier bzw. spielt seine Songs und verhält sich unauffällig, dann darf er auch menschenverachtende Ideologien wie Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus abfeiern. Kommt es dann doch mal zu kritischen Nachfragen, geben sich große Teile der Szene demonstrativ genervt und starten Angriffe auf die Kritiker_innen, was dann teilweise in absurder Anti-Antifa-Hetze gipfelt, die sich kaum mehr von der Anti-Antifa-Arbeit von Neonazigruppierungen unterscheidet.

So weit, so schlecht. Was aber hat das Party.San damit zu tun? Nun, das Party.San ist so was wie der Einäugige unter Blinden. Das Drucken von Shirts mit einer zerbrochenen schwarzen Sonne und dem Slogan „keep nazi scum out of metal“ sowie der Weigerung bestimmte Bands wie z.B. Menhir auf dem Festival spielen zu lassen, dazu seit einiger Zeit verschärfte T-Shirt-Kontrollen – die Party.San-Macher_innen zeigen sich zumindest engagiert.
Und trotzdem bleiben Fragen offen. Dabei geht es nicht um die Tatsache, dass sexistischer Dreck wie Devourment, Rompeprop oder Lividity auf dem Festival immer gerne gesehen ist, sondern erst mal um Sargeist selber. Wie stumpf oder desinteressiert muss Mensch sein, um die Verstrickungen der Band gen NSBM nicht zu sehen? Informieren sich die Party.San-Macher_innen, die ja seit langen Jahren in der Szene aktiv sind, nicht über die Bands, die sie buchen? Eine simple Google-Suche bzw. ein Blick bei metal archives hätte doch schon klar machen können, nein, müssen, dass bei Sargeist einiges im Argen liegt, ums mal neutral zu formulieren. Definitiv ein dicker Fehler der Macher_innen. Aber gut, Fehler macht jede_r mal, das wäre nicht so schlimm.

Was dann schlimm ist, ist der uneindeutige Kurs in Bezug auf andere Bands. Nicht nur umstrittene Bands wie Impaled Nazarene, sondern auch Bands wie Nachtmystium, deren Toleranz gegenüber Nazis und der Relativierung der Shoah offensichtlich ist, durften 2010 spielen, sondern auch dieses Jahr Gospel Of The Horns, die in der Vergangenheit durch nationalistische, rassistische Tiraden aufgefallen sind und das Judeo-Christentum als Krebsgeschwür betrachten.
Bleibt als Fazit, dass ein Slogan wie „keep nazi scum out of metal“ zur Zeit nur eine Floskel ist, zumindest in Bezug auf das Party.San. Es wird zwar teilweise auf Kritik eingegangen und auf gewisse Mindeststandards gesetzt, diese Standards werden aber dann bei einigen Bands angewandt, bei anderen nicht. Eine konsequente Auseinandersetzung mit der Grauzone im Black Metal und mit der Verstrickung von Black-Metal-Musikern in menschenverachtende, rassistische, nationalistische und antisemitische Aussagen und Milieus findet allenfalls willkürlich und stichprobenartig statt. In diesem Sinne ist der propagierte und oben erwähnte Slogan viel Lärm um (fast) nichts. Statt konsequent gegen Nazis und menschenverachtende Ansichten vorzugehen, verstecken sich die Party.San-Macher_innen hinter markigen Worten, denen dann nur ausnahmsweise Taten folgen. Der Rest ist Toleranz gegenüber Nazis und deren Gedankengut.

Jan Wigger, Burzum und diese verdammte Grauzone

RockHard-Forum? Fehlanzeige. Metal-Hammer-Forum? Nichts zu finden. Zugegeben, in der Metalszene hat es nicht wirklich Aufsehen verursacht, dass Spiegel-Musikredakteur Jan Wigger in seiner Playlist Burzum drin hatte. Thematisiert wurde das unter anderem bei NPD-Blog bzw. jetzt Pubilkative in diesem Artikel und einem Facebook-Eintrag. Was Herrn Wigger natürlich nicht davon abhielt, in der folgenden Woche im Rahmen eines Zola Jesus-Reviews seinen Kritikern Scheinheiligkeit, Doppelmoral und blindes Eifern vorzuwerfen, mit kruden Vergleichen um sich zu werfen und die Akte Varg Vikernes ein für allemal zu schließen.
Und ja, in gewisser Hinsicht ist die Empörung von Jan Wigger durchaus berechtigt. Denn er agiert nunmal nicht am äußersten rechten Rand der Metalszene, sondern in deren Mitte und weiß dabei die großen Magazine hinter sich. In Specials haben Zeitschriften wie das kritisch-kompetent-unabhängige Rock Hard und Legacy Alben von Burzum hoch gelobt, das englische Terrorizer widmete Varg Vikernes sogar eine Titelstory. T-Shirts von Burzum sorgen auf Metalkonzerten schon lange nicht mehr für Aufsehen, sondern sind akzeptierte Normalität. Insofern greift eine Kritik an Jan Wigger alleine zu kurz. Es ist nunmal der Konsens der Szene, der auf den Prüfstand gehört, kritisiert und vor allem kritisch hinterfragt werden muss und zwar abseits der gängigen Argumentationsmuster.
Die Argumentation der Unterstützer_innen verläuft dabei immer gleich. Als erstes heißt es immer, wer kein Black-Metal-Fan sei bzw. diesen nicht hören würde, könnte ihn auch nicht verstehen. Das ist natürlich super, damit spricht mensch dem Gegenüber schonmal jegliche Kompetenz ab und verschafft sich selber den Nimbus der Überlegenheit des Wissenden über den Nichtwissenden. Dann wird eine ganze Reihe von Dogmen abgespult: auf den Alben von Burzum seien ja keine rechtsradikalen oder nazistischen Inhalte vertreten, die Alben seien in der Szene als musikalische Meisterwerke anerkannt, Varg Vikernes wurde erst nach der Veröffentlichung der Alben zum Nazi, vorher war er harmlos. Mal abgesehen davon, dass das Anzünden von Kirchen bzw. der bewusste Aufruf dazu und das In-Kauf-Nehmen von Toten (bei den Löscharbeiten starb ein Feuerwehrmann) alles anderes als harmlos ist, werden diese Dogmen wie Glaubenssätze vor sich hergetragen und den Kritikern mit Vehemenz und Penetranz um die Ohren gehauen. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige. Aber wozu auch? Wenn ein Autor wie Wolf-Rüdger Mühlmann, seines Zeichens Promoter von Frei.Wild und plakativer Frontmann des Rock Hard, wenn es um Kritik an NSBM geht, das Aufnehmen von Burzum in die Top 25-Liste der wichtigsten Black-Metal-Alben vehement verteidigt, dann ist beruhigtes Zurücklehnen angesagt.
Denn die Bösen, dass sind immer die Anderen, die Kritiker. Die Leute, die zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass Burzum einen großen Einfluss auf das Entstehen und die Entwicklung von NSBM hatten. Die keinen Bock auf Leute in Burzum-Shirts haben. Die es nunmal nicht cool finden, wenn es normal ist, die Musik eines Rassisten, Antisemiten und homophoben Nazis wie Varg Vikernes zu hören bzw. ihn mit dem Kauf seiner Musik finanziell zu unterstützen. Die, für die die Grauzone ein durchaus wichtiges Phänomen und keine Antifa-Phantasie ist. Die, die halt nicht alles fressen, was vermeintliche „Antifaschisten“ wie Wolf-Rüdiger Mühlmann und das Rock Hard veröffentlichen, sondern kritisch nachfragen und zweifeln.
Aber bis das passiert, ist es leider noch ein weiter Weg. Der große Teil der Szene macht es sich lieber in der Grauzone gemütlich, bügelt Nachfragen mit „Wir sind definitiv keine Nazis“ ab und spart sich kritisches Denken, Hinterfragen, Reflexion und Unabhängigkeit. Traurig, aber leider Realität.

Kiel Explode Festival, Tag 1 (17.06., Alte Meierei, Kiel)

Mitte Juni, das bedeutet in Kiel Ausnahmezustand, denn die Kieler Woche beginnt. Neben den ganzen Segelwettbewerben bedeutet das auch ein kommerzielles Abzockevent voll von miesen Bands, überteuerten Essens- und Getränkepreisen sowie haufenweise Unsympath_innen in der Stadt. Wie gut, dass es dieses Jahr (wenn auch terminlich eher zufällig) das Kiel Explode Festival gibt, dass an zwei Tagen in der Alten Meierei statt findet und eine sinnvolle Alternative zum kommerziellen Schrott der Kieler Woche bietet.
Meierei-typisch natürlich auch, dass der pünktliche Beginn um sechs nicht eingehalten wird. Zeit also, mal zu gucken, was es noch so gibt. Neben einem Stand von Narshardaa Records, wo die eine oder andere Vinylperle feil geboten wird, sorgt die Vegan-Wonderland-Crew für das Essen. Am ersten Tag gibt es einen veganen Cheeseburger, lecker, aber zu wenig, so der ziemlich einhellige Tenor und für drei Euro auch nicht gerade günstig. Zumindest das Käseangebot sorgt aber teilweise für Begeisterungsstürme bei den Besucher_innen. Aber genug davon, es geht dann nämlich auch los. Und, um das schon mal vorwegzunehmen, es wird eine musikalische Tour quer durch Zeit und Genres geboten, alles im weitesten Sinne im Punk/Hardcore-Underground verwurzelt.

Yfere haben als Opener erstmal das Pech auf ihrer Seite, denn gleich beim ersten Lied reißt eine Gitarrensaite. Also wird nochmal von vorne angefangen. Und wenn auch nach dem Konzert eher kritische Stimmen zu hören sind, das Gebotene wird als solide bis gut beurteilt und der Sänger wird als Unsympath bezeichnet, dessen Bühnenshow aufgesetzt wirkt, so ist das meiner Meinung nach ein richtig starker Auftritt des Quartetts. Brachialer Screamo mit deutlicher Black-Metal-Kante wird dargeboten, der Sänger klingt entweder verzweifelt oder kreischt in bester BM-Manier, es geht ganz schön vertrackt zu, trotzdem klingt das ziemlich brutal und plättet den Zuhörer ganz schön, das Schlagzeug ballert ordentlich und die Saitenfraktion sorgt für eine amtlich-riffige wall of sound.
Pluspunkte gibt es für die selbstironischen Ansagen, den missglückten Hechtsprung des Sängers und dessen Abgehen und Herumwälzen vor und auf der Bühne. Und immerhin zu Höflichkeitsapplaus lässt sich das eher Abstand haltende Publikum hinreißen. Und auch wenn eine zweite Saite reißt, so sind Yfere für mich und meinen von verschiedenen Seiten attestierten Antigeschmack eins der Highlights des Wochenendes.

Als nächstes sind dann Tackleberry dran, Kiels erste Instanz, wenn es darum geht, Hardcore mit ordentlicher Punkkante zu spielen. Und irgendwie ist der Auftritt komisch. Das liegt noch nicht mal an den kaum auffallenden Missverständnissen oder gar den Songs, hier ist alles wie immer, mit reichlich Energie gehen die Jungs zu Werke, sondern dass ich eigentlich die ganze Zeit darauf warte, dass der Auftritt von gut zu richtig geil umschwenkt. Und auch wenn Sänger Hannes ansagentechnisch in Topform ist, auf die Antifa-Kundgebung am nächsten Tag in Friedrichsort hinweist, die KN und Bundswehrsoldaten disst, die ganz überrascht vom Krieg in Afghanistan sind und Heidi Klum als Antimensch hinstellt und die drei neuen Songs sich harmonisch ins Set einfügen, so ist der ganze Spaß doch recht schnell wieder vorbei. Klar, ein kurz-knackiger Auftritt muss nichts Schlechtes sein und das hier ist auch ein bisschen Jammern auf hohem Niveau, aber so richtig großartig sind Tackleberry heute nicht. Trotzdem natürlich gut und das neue Shirt in Black-Metal-Optik kann alles!

So, dann ist endlich Zeit für Crust. Obwohl, so richtig Kruste sind Alpinist ja nun nicht. Musikalisch eh schultertief im Neocrustsound hängend, ist auch optisch eher Studentenhardcore denn Nieten-Dreads-Siff-Kruste angesagt. Ändert aber nichts daran, dass die Münsteraner wohl mit das Beste sind, was es in Sachen Crust zur Zeit in Deutschland gibt. Tonnenweise düstere Melodien, massives D-Beat-Geschepper, Gebrüll und ganz viel Geschrei, dazu die eine oder andere ruhigere Passage, alles dargeboten in Dunkelheit (auf eine Lightshow verzichtet die Band), das alles sorgt für ordentlich Action im Publikum. Es wird gepogt und die zum Teil schon leicht gräulichen Haare fliegen gelassen sowie lautstark Beifall kundgetan. Ansagen gibt es kaum, dafür ordentlich Gitarrengefiepe, auch gut. Ein Song ist besser als der andere, kein Wunder also, dass Alpinist als erste Gruppe eine Zugabe spielen müssen.
Alles in allem ein richtig guter Auftritt, für meinen Geschmack sogar der beste des gesamten Wochenendes. Schön auch, dass die Band ihr Merch draußen auf dem Auto ausbreitet und verkauft, wobei auch dem Crust sonst eher wenig zugetane Menschen ob der grandiosen Show gerne zuschlagen.

Dann kommt ein doch eher abrupter Stilwechsel. Gifts From Enola sind die experimentellste Band des Abends, verzichten weitestgehend auf Gesang und bauen eher auf die Kraft der sich langsam entwickelnden Soundwand. Sphärische Sounds treffen auf mächtige Riffs, rockende Passagen auf eher ruhigere Momente, es wird gerne mal bedächtig aufgebaut, nur um dann den Schalter umzulegen und richtig Gas zu geben. Lange Songs laden zum Schwelgen ein, zum andächtigen Lauschen oder halt auch zum Mitgehen und Headbangen. Auch wenn die Urgewalt einer Band wie Isis hier durch progressive Spielereien ersetzt wird, so ist der Postrock der Amis alles andere als weichgespült oder gar langweilig. Sehr cool auch, dass die Band in ihren Songs aufgeht und das Synchronbangen des Bassisten und des vollbärtigen (diese Art Bands gibt es einfach nicht ohne Bartträger) Gitarristen.
Nach dem letzten Song bricht dann auch ein wahrer Begeisterungssturm los, der das Quartett sichtlich freut, so sehr, dass gleich noch eine ca. zehnminütige Zugabe rausgehauen wird. Wenn auch einzelne Vertreter der Punkfraktion sich spontan zu einem „scheußlich“ hin reißen lassen (flugs revidiert durch ein sinngemäßes „Ist halt nicht mein Ding“), so ist der Gig doch verdammt gut und mitreißend und die Band sehr symapthisch. Das zeigt sich auch beim Merchverkauf, wo der Drummer für jeden ein paar freundliche Sätze übrig hat und sich zigmal bedankt.

Beim nun folgenden fällt mir ein Urteil sichtlich schwer. Die ersten beiden Alben von Escapado finde ich bis heute großartig, mit dem neuen Album bin ich bis heute nicht warm geworden. Und eigentlich stimmt beim Auftritt auch vieles. Bis auf den zu lauten Bass ist der Sound gut, die Menge vor der Bühne tobt und feiert und die Songauswahl hält geschickt die Balance zwischen alt und neu. Trotzdem ist das eine furchtbare Show und die Demontage einer einstmals richtig guten Band. Der neue Sänger kann einfach nichts. Sein Schreien klingt aufgesetzt, sein Gesang ist bestenfalls mittelmäßig. „Der soll sich doch eine Boyband suchen“ meint ein Kumpel nach drei Songs und verlässt die Halle. Ich harre bis zum Schluss aus, aber es wird nicht besser. Das mögen viele anders sehen, für mich sind Escapado nur noch eine halbgare Screamo-Hardcoreband unter vielen, das Einzigartige ist völlig weg. Meine persönliche Enttäuschung des Wochenendes.

Zum Abschluss hat sich die Halle mittlerweile geleert, sechs Bands sind auch nicht ohne. Aber Deep Sleep mobilisieren zumindest bei der Gaardener Punkfraktion nochmal die letzten Reserven. Angekündigt als ’77-Punk, verorten Kenner der Marterie die Band doch eher im frühen kalifornischen Hardcore-Punk. Im Anderthalb- bis Zwei-Minuten-Takt wird ein ein Smasher nach dem nächsten rausgehauen, immer schön auf Anschlag, nur zeitweise von ein bißchen Midtempo unterbrochen.
Das ist zwar nichts Neues, macht aber zu dieser späten Stunde verdammt viel Spaß, das findet auch der pogende Punkermob vor der Bühne. Folgerichtig fordern die Anwesenden dann auch noch eine Zugabe, was fast am Schlagzeuger scheitert, der nach dem Ende des regulären Sets konsequent anfängt abzubauen und vom Rest der Band erstmal zum Weiter machen überredet werden muss. Nachdem Deep Sleep dann alle Songs, die sie kennen, gespielt haben, ist dann aber endgültig Schluss. Das Prädikat „beste Band des Abends“ ist häufiger zu hören und auch wenn ich nicht so weit gehen würde, so ist das ein schöner Abschluss eines langen, abwechslungsreichen und musikalisch verdammt spannenden und interessanten Tages.

Northern Lights Festival: am rechten Rand des Black Metals

Das Northern Lights Festival in Österreich, laut Eigenwerbung „einziges Festival speziell für
Black/Pagan & Folk Metal“ im Land, sieht sich zur Zeit mit massiver Kritik konfrontiert. Was für Szenekenner wenig überraschend ist, schließlich sorgte der geplante Auftritt der ukrainischen NSBMler Kroda schon 2009 für kritische Berichterstattung.1 Kroda konnten beim Festival dann nicht spielen, weil sie in Polen einen kleinen antifaschistischen Zwischenfall hatten, was wiederum dazu führte, dass die Band in einem dreiseitigen Statement nicht nur wortreich über die vermeintliche Hexenjagd und Inquisition der Antifa jammerte, sondern auch ihr faschistisches und rassistisches Weltbild für alle offen legte.2
Nebem dem Auftritt von Kroda und anderen Gruppen aus dem Bereich NSBM/Grauzone machte die Präsentation der diesjährigen Ausgabe durch das deutsche Ablaze Magazin3 eh schon klar, wo die Veranstalter stehen, rechtsaußen nämlich. Das Ablaze Magazin ist seit seiner Neuauflage dafür bekannt, nicht nur einem bekennenden Faschisten, Rassisten und Antisemiten wie Varg Vikernes (Burzum) mit einer Titelstory zu würdigen , sondern interviewte mit Nargaroth, Menneskerhat, Morrigan, Eternity, Infernal War, Halgadom, Leichenzug, Kroda, Ad Hominem, Absurd, Loits, Legion Of Doom, Disiplin, Graveland, Satanic Warmaster usw. unzähhlige Bandsa aus dem NSBM- bzw. Grauzonenbereich.4
In den vergangenen Tagen wurden diese Tatsachen dann auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Dank der detaillierten Arbeit des Infoportals Brauntöne (via fight fascism) aus Österreich wurde der Hintergrund mehrerer Bands, darunter auch Kroda akribisch untersucht.5 Mittlerweile prüft nun der Verfassungsschutz alle auftretenden Bands, wobei die Überprüfung aufgrund von Indizierungen bzw. dem Mangel daran wenig bringen wird.6 Es ist schießlich nichts neues, dass auch Black-Metal-Bands aus dem Bereich NSBM/Grauzone und deren Labels mittlerweile darauf achten, sich im Rahmen der Gesetze zu bewegen bzw. Alben schon vorher zensieren bzw. entschärfen. Das Gerede von der angeblich unpolitischen Einstellung, dass in dieser Szene ja zum Standardrepertoire gehört, kommt noch hinzu, es sollte aber wirklich jedem klar sein, dass das Northern Lights Festival keine Berührungsängste gegenüber Bands und Magazinen aus dem NSBM-/Grauzonenspektrum hat und diesen gerne eine Bühne bietet, um ihren menschenverachtenden Ansichten darzustellen und zu präsentieren.

Im Forum des Festivals möchte mensch hingegen davon nichts wissen, dort wird in bester Szenemanier die Extremismustheorie nachgeplappert, auf Linksfaschisten und Antifachaoten geschimpft, die Opferrolle bemüht und übelste Hetze auf Naziniveau betrieben. Wer sich das mehr als traurige Schauspiel geben möchte, sei auf die Fußnote verwiesen oder klickt gleich hier. 7
Deutlicher als dort wird es kaum offensichtlich, dass Teile der Metalszene neben komplett fehlendem Problembewusstsein kein Interesse daran haben, sich mit rechtem Gedankengut in ihrer Szene auseinander zu setzen. Nein, es wird ignoriert, verleugnet, klein geredet, Hauptsache die Mucke knallt. Das ist einerseits natürlich beschämend, andererseits zeigt das auch deutlich, dass endlich eine offensiv geführte Auseinandersetzung mit diesem Phänomen dringend nötig ist und dass solchen Leuten mehr als deutlich klar gemacht wird, dass sie in der Metalszene nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben.

  1. http://fightfascism.wordpress.com/2009/06/23/neonazi-band-bei-northern-lights-festival/ [zurück]
  2. http://ablaze-magazin.de/___ablaze/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=64&cntnt01returnid=15 [zurück]
  3. http://ablaze-magazin.de/___ablaze/index.php?mact=News,cntnt01,detail,0&cntnt01articleid=139&cntnt01returnid=15 [zurück]
  4. http://ablaze-magazin.de/___ablaze/index.php?page=ausgaben [zurück]
  5. http://brauntoene.at/?p=96 [zurück]
  6. http://kurier.at/nachrichten/oberoesterreich/3912381.php [zurück]
  7. http://www.northern-lights-festival.com/board/viewtopic.php?f=2&t=315&start=0 [zurück]