Das ist die Band voller Idioten: Frei.Wild (Teil Zwei)

Im zweiten Teil soll es vor allem darum gehen, wie Frei.Wild sich selber sehen und inszenieren. Nämlich als Verfolgte, als Opfer, die keine Scheu haben, im Zuge dieser Inszenierung sich auf eine Stufe mit den Opfern der Shoah zu stellen und gleichzeitig offenbaren, dass sie bzw. Philipp Burger Antisemitismus zu keiner Sekunde begriffen haben. Zum Abschluss soll die Frage „Sind Frei.Wild Nazis“? beantwortet werden und auf die Aktivitäten rund um die Band hingewiesen werden.

Aber zunächst zum Interview im RockHard (Nr. 305). In diesem Gespräch stellt Herr Burger nämlich Patrioten auf eine Stufe mit den ermordeten Juden und Jüdinnen und den Bewohner_innen Südtirols, in dem er sagt, dass die Juden mit dem Judenstern gekennzeichnet wurden, die Bewohner_innen Südtirols während der Herrschaft Mussolinis bestimme Kleidung tragen mussten und heutzutage Patrioten Kritik und Angriffen ausgesetzt seien, woraus Ungerechtigkeiten und sogar Mord entstehen könnten. Mal abgesehen davon, dass die Gleichsetzung der Shoah mit Kritik am Patriotismus die Täter mal wieder zu Opfern macht und eigentlich jede_r merken sollte, dass hier völlig unterschiedliche Dinge miteinander verglichen werden, erklärt sich diese erneute Shoahrelativierung dann ein paar Sätze später.
Dort äußert der Frontmann die Auffassung, dass das Judentum nur eine Glaubensrichtung sei. Eben diese Auffassung steht dem Antisemitismus diametral gegenüber. In diesem sind die Juden und Jüdinnen eben nicht „nur“ eine Glaubensrichtung, sondern ein Volk, dem von vornherein bestimmte Attribute und Eigenschaften zugeordnet werden. Tatsächliches Verhalten spielt dabei keine Rolle. Bei Pogromen und im Holocaust wurden Menschen jedweden Geschlechts, Herkunft, Assimilation etc. umgebracht, das einzige, was zählte, war ihr Dasein als „Jude“. Und eben dieser „Jude“ war ein gemachtes, konstruiertes Bild, in dem der Glauben nur eine mindere Rolle spielte. Zigfach diskutierte Gedankengänge, die aber scheinbar in Südtirol unbekannt sind.1

Also, sind Frei.Wild jetzt (Neo)Nazis? Klare Antwort: nein, bzw. NEIN! Aber sie offenbaren immer wieder ihre Nähe zum Gedankengut der extremen Rechten, zu nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Einstellungen und Taten. Denn die einfache Schwarz-Weiß-Malerei „Nazi=schlecht“, kein Nazi=gut“ funktioniert einfach nicht. Nicht jeder Rassist, Nationalist und/oder Antisemit ist gleich ein Nazi. Da ist es auch egal, ob Frei.Wild Ansagen gegen Nazis machen, wenn sie dann doch immer wieder ihre Nähe zu deren Gedankengut in ihren Texten und Äußerungen offenbaren. So bleiben diese Ansagen nur hohle Phrasen ohne Wert. Und all denjenigen, die immer wieder betonen, mensch müsse die Aussagen der Gruppe im Kontext sehen, sei nochmals ganz deutlich gesagt: es gibt keinen Kontext, in dem Nationalismus in Ordnung ist. Keinen!

Aber glücklicherweise regt sich Protest. Nun gut, nicht in der Metalszene (im aktuellen Springerdrecksblatt Metal Hammer darf Herr Burger über „Dreckspunkzines“ herziehen, aber das ist halt Springer), bei Publikative.org ist ein lesenswerter Artikel erschienen, Kein Frei.Wild!, der gekonnt mit der Band abrechnet.

Weitere Artikel dazu und den Reaktionen:
Publikative.org – Hass auf „Gutmenschen“
Hamburger Abendblatt – Gitarren, Bier, Nationalismus
Ruhrbarone – Frei.Wild ganz zahm?
Endstation Rechts – Wie rechts sind Frei.Wild wirklich?

Und zu allerletzt: wer wissen will, wie die Band in Metalkreisen rezipiert wird, dem sei dieser Thread im RockHard-Forum empfohlen, Ahnungslosigkeit, Anti-Antifa-Gehate und Relativierungen inklusive. Da kann mensch nur Angst und Bange werden, wenn das RockHard ankündigt, im nächsten Heft zu den Kontroversen rund um Frei.Wild Stellung zu nehmen. Dazu dann beim Erscheinen mehr.

  1. Ach ja, wer sich fragt, ob es dazu im RockHard kritische Nachfragen gab: nein. [zurück]
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1 Antwort auf „Das ist die Band voller Idioten: Frei.Wild (Teil Zwei)“


  1. 1 Grauwolf 05. Dezember 2012 um 10:54 Uhr

    Danke für den Beitrag.

    Zwei Verbesserungsvorschläge:

    1. Der Link zum Hamburger Abendblatt ist unglücklich gewählt, da diese „Zeitung“ ebenfalls Produkt des Springer Verlags ist.
    2. Führe das bitte mit dem Judentum (Anitsemitismus, Standpunkt der Band, Standpunkt der Forschung, etc.) näher aus. Aus dem Kontext weiß man schon, was du meinst. Aber es ist beim ersten Lesen doch etwas verwirrend.

    Könnte dich auch noch interessieren: http://www.youtube.com/watch?v=66i9qeh02NI

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