Jan Wigger, Burzum und diese verdammte Grauzone

RockHard-Forum? Fehlanzeige. Metal-Hammer-Forum? Nichts zu finden. Zugegeben, in der Metalszene hat es nicht wirklich Aufsehen verursacht, dass Spiegel-Musikredakteur Jan Wigger in seiner Playlist Burzum drin hatte. Thematisiert wurde das unter anderem bei NPD-Blog bzw. jetzt Pubilkative in diesem Artikel und einem Facebook-Eintrag. Was Herrn Wigger natürlich nicht davon abhielt, in der folgenden Woche im Rahmen eines Zola Jesus-Reviews seinen Kritikern Scheinheiligkeit, Doppelmoral und blindes Eifern vorzuwerfen, mit kruden Vergleichen um sich zu werfen und die Akte Varg Vikernes ein für allemal zu schließen.
Und ja, in gewisser Hinsicht ist die Empörung von Jan Wigger durchaus berechtigt. Denn er agiert nunmal nicht am äußersten rechten Rand der Metalszene, sondern in deren Mitte und weiß dabei die großen Magazine hinter sich. In Specials haben Zeitschriften wie das kritisch-kompetent-unabhängige Rock Hard und Legacy Alben von Burzum hoch gelobt, das englische Terrorizer widmete Varg Vikernes sogar eine Titelstory. T-Shirts von Burzum sorgen auf Metalkonzerten schon lange nicht mehr für Aufsehen, sondern sind akzeptierte Normalität. Insofern greift eine Kritik an Jan Wigger alleine zu kurz. Es ist nunmal der Konsens der Szene, der auf den Prüfstand gehört, kritisiert und vor allem kritisch hinterfragt werden muss und zwar abseits der gängigen Argumentationsmuster.
Die Argumentation der Unterstützer_innen verläuft dabei immer gleich. Als erstes heißt es immer, wer kein Black-Metal-Fan sei bzw. diesen nicht hören würde, könnte ihn auch nicht verstehen. Das ist natürlich super, damit spricht mensch dem Gegenüber schonmal jegliche Kompetenz ab und verschafft sich selber den Nimbus der Überlegenheit des Wissenden über den Nichtwissenden. Dann wird eine ganze Reihe von Dogmen abgespult: auf den Alben von Burzum seien ja keine rechtsradikalen oder nazistischen Inhalte vertreten, die Alben seien in der Szene als musikalische Meisterwerke anerkannt, Varg Vikernes wurde erst nach der Veröffentlichung der Alben zum Nazi, vorher war er harmlos. Mal abgesehen davon, dass das Anzünden von Kirchen bzw. der bewusste Aufruf dazu und das In-Kauf-Nehmen von Toten (bei den Löscharbeiten starb ein Feuerwehrmann) alles anderes als harmlos ist, werden diese Dogmen wie Glaubenssätze vor sich hergetragen und den Kritikern mit Vehemenz und Penetranz um die Ohren gehauen. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige. Aber wozu auch? Wenn ein Autor wie Wolf-Rüdger Mühlmann, seines Zeichens Promoter von Frei.Wild und plakativer Frontmann des Rock Hard, wenn es um Kritik an NSBM geht, das Aufnehmen von Burzum in die Top 25-Liste der wichtigsten Black-Metal-Alben vehement verteidigt, dann ist beruhigtes Zurücklehnen angesagt.
Denn die Bösen, dass sind immer die Anderen, die Kritiker. Die Leute, die zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass Burzum einen großen Einfluss auf das Entstehen und die Entwicklung von NSBM hatten. Die keinen Bock auf Leute in Burzum-Shirts haben. Die es nunmal nicht cool finden, wenn es normal ist, die Musik eines Rassisten, Antisemiten und homophoben Nazis wie Varg Vikernes zu hören bzw. ihn mit dem Kauf seiner Musik finanziell zu unterstützen. Die, für die die Grauzone ein durchaus wichtiges Phänomen und keine Antifa-Phantasie ist. Die, die halt nicht alles fressen, was vermeintliche „Antifaschisten“ wie Wolf-Rüdiger Mühlmann und das Rock Hard veröffentlichen, sondern kritisch nachfragen und zweifeln.
Aber bis das passiert, ist es leider noch ein weiter Weg. Der große Teil der Szene macht es sich lieber in der Grauzone gemütlich, bügelt Nachfragen mit „Wir sind definitiv keine Nazis“ ab und spart sich kritisches Denken, Hinterfragen, Reflexion und Unabhängigkeit. Traurig, aber leider Realität.

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