Zwei Lesetipps: Frei.Wild und Hauptkampflinie

Bevor in den nächsten Tagen hoffentlich der längst überfällige Artikel zu Drudkh und der abenteuerlichen Argumentation des Metal-Mainstreams erscheint, hier mal zwei Lesetipps.

Zum einen ein Artikel zu Frei.Wild in der Süddeutschen Zeitung. Dort wird zum einen deutlich, dass die Südtiroler trotz allen Distanzierungen mit extrem rechten Einstellungen und Fans keinerlei Probleme und zum anderen, dass sie es schon längst in den Mainstream geschafft haben. Nur ein Beleg dafür ist die Übernahme der Promotiontätigkeiten durch Sure Shot Worx, geleitet vom RockHard-Mitarbeiter Wolf-Rüdiger Mühlmann, der sich im Rock Hard gerne als „Antifaschist“ geriert und gegen NSBM Stellung bezieht, mit dem Promoten von nationalistisch-rassistischen Bands wie eben Frei.Wild oder Winterfylleth aber keine Probleme hat.

Zum anderen ein Artikel von Andreas Speit in der taz zum Ausstieg des Sängers von Hauptkampflinie, zeitweilig eine der aktivsten Bands der Rechtsrockszene. Bietet auch einen kurzen, aber recht guten Überblick über die Rechtsrockszene und deren Umfang. Inwieweit der Ausstieg jetzt endgültig ist, vermag ich nicht zu beurteilen, vertraue da aber mal auf Andreas Speit und dessen unbestrittene Sachkenntnis.

Volldeppen des Monats: Der Weg Einer Freiheit

Tja, mal wieder neues von der Grauzone, in diesem Falle von einer Band, von der mensch es im ersten Moment gar nicht erwartet hätte, Der Weg Einer Freiheit. Der zugrunde liegende Vorfall ist dabei schnell erzählt: Nazisympathisant_innen in Burzum-Shirts wird in Frankfurt der Eintritt zum Konzert aufgrund ihrer Shirts verweigert. So weit, so gut. Eher nicht so gut, dass dann wohl doch NSBM-Hörer_innen mit ihrem Nazidreck von Satanic Warmaster es aufs Konzert schaffen. Naja, mangelnde Kenntnis über NSBM-Bands ist im Metal ja nun wirklich nichts Neues, sondern leider altbekannter Standard. Das dann natürlich rumgeheult wird, ist auch nichts Neues (Nebensatz am Rande: die Endstille-Behauptung ist definitiv falsch.).
Und ebenfalls gar nichts neues, ist der Quatsch, den dann ein nicht näher benanntes Bandmitglied von Der Weg Einer Freiheit absondert:

»Hallo Vitus, ich habe deinen Beitrag sowie die zusätzlichen Kommentare gelesen! Sorry nochmal, daß dir das den Abend so vermasselt hat. Aber wie gesagt, das wurde über unseren Kopf hinweg entschieden und es nervt mich ehrlich gesagt, daß wir als 100% unpolitische Band auf einer
politischen Veranstaltung spielen. Das ist sie in meinen Augen genau dann, wenn sie unter dem Banner »gegen rechts« läuft. Nicht falsch verstehen, wir verabscheuen nationalsozialistischen und
faschistischen Abschaum aufs Äußerste und würden natürlich genauso wenig auf einer rechten Veranstaltung spielen, aber wir appelieren mit unserer Musik an das Gute im Menschen, gehen also den humanistischen Weg und nicht den politischen. Dafür habe ich mich entschieden und
dabei wird es bleiben. Wir werden uns jetzt und in Zukunft auch nicht weiter auf solche
Diskussionen einlassen. Bzw. wollen wir es versuchen, oftmals wird man ja leider regelrecht dazu gezwungen… Ich denke auch, daß es für dich/euch nochmal einige Möglichkeiten gibt, uns zu sehen! :) […]«

Mensch ist natürlich gegen Faschismus, möchte aber nicht auf Veranstaltungen spielen, wo sich explizit gegen Faschismus ausgesprochen wird. Weil, das sei ja politisch und als Band seien sie ja 100% unpolitisch. Das darin ein eklatanter Widerspruch besteht, scheint aber bei Der Weg Einer Freiheit niemand zu bemerken. Wie auch, denn es geht ja noch weiter. Das Bekenntnis zum Humanismus mutet eh schon merkwürdig an, gerade für ein Genre wie Black Metal, wo ein bestimmendes Element ja oftmals der Antihumanismus ist, die Trennung von Humanismus und Politik offenbart dann nicht nur ein eurozentrisches Weltbild, sondern auch mangelndes Geschichtswissen. Aber auch das ist im Black Metal ja nun wahrlich nichts Neues.

Bleibt also festzuhalten: Der Weg Einer Freiheit kommen über pflichtschuldige Bekenntnisse gegen Faschismus nicht hinaus, haben aber mit Politik in der Musik ihre Probleme, nicht aber mit Nazisympathisant_innen, die ihre Konzerte besuchen. Es ist wie immer in der Grauzone: fadenscheinige Lippenbekenntnisse, Intoleranz gegenüber Antifaschist_innen, Toleranz gegenüber Nazis und alles total unpolitisch. Das diese Haltung zum Kotzen ist, muss ich wohl niemandem mehr erzählen…

Party.San: Keep nazi scum out of metal?

Die letzten Tage waren für die Macher_innen des Party.San Open Airs nicht gerade schön. Nach der Bekanntgabe, dass Nile und Sargeist 2012 auf dem Festival spielen würden, entzündete sich vor allem an letzteren Kritik. Folge: Die Band wurde, nachdem sie sich weigerte, Stellung zu beziehen, wieder ausgeladen.

Kein Wunder also, dass auf Facebook der übliche Sturm der Entrüstung losbricht, allerdings über die Absage von Sargeist und nicht etwa über die Band selber. Nichts neues, das ist numal zu erwarten, wenn große Teile einer Szene wie der BM-Szene sich für die politischen Aussagen und Hintergründe von Bands und Musikern schlicht nicht interessieren bzw. mit dem fadenscheinigen Argument, dass Politik nichts in der Musik zu suchen habe, jedweder kritischen Auseinandersetzung entziehen. Hauptsache, der Nazifan bzw. -musiker säuft sein Bier bzw. spielt seine Songs und verhält sich unauffällig, dann darf er auch menschenverachtende Ideologien wie Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus abfeiern. Kommt es dann doch mal zu kritischen Nachfragen, geben sich große Teile der Szene demonstrativ genervt und starten Angriffe auf die Kritiker_innen, was dann teilweise in absurder Anti-Antifa-Hetze gipfelt, die sich kaum mehr von der Anti-Antifa-Arbeit von Neonazigruppierungen unterscheidet.

So weit, so schlecht. Was aber hat das Party.San damit zu tun? Nun, das Party.San ist so was wie der Einäugige unter Blinden. Das Drucken von Shirts mit einer zerbrochenen schwarzen Sonne und dem Slogan „keep nazi scum out of metal“ sowie der Weigerung bestimmte Bands wie z.B. Menhir auf dem Festival spielen zu lassen, dazu seit einiger Zeit verschärfte T-Shirt-Kontrollen – die Party.San-Macher_innen zeigen sich zumindest engagiert.
Und trotzdem bleiben Fragen offen. Dabei geht es nicht um die Tatsache, dass sexistischer Dreck wie Devourment, Rompeprop oder Lividity auf dem Festival immer gerne gesehen ist, sondern erst mal um Sargeist selber. Wie stumpf oder desinteressiert muss Mensch sein, um die Verstrickungen der Band gen NSBM nicht zu sehen? Informieren sich die Party.San-Macher_innen, die ja seit langen Jahren in der Szene aktiv sind, nicht über die Bands, die sie buchen? Eine simple Google-Suche bzw. ein Blick bei metal archives hätte doch schon klar machen können, nein, müssen, dass bei Sargeist einiges im Argen liegt, ums mal neutral zu formulieren. Definitiv ein dicker Fehler der Macher_innen. Aber gut, Fehler macht jede_r mal, das wäre nicht so schlimm.

Was dann schlimm ist, ist der uneindeutige Kurs in Bezug auf andere Bands. Nicht nur umstrittene Bands wie Impaled Nazarene, sondern auch Bands wie Nachtmystium, deren Toleranz gegenüber Nazis und der Relativierung der Shoah offensichtlich ist, durften 2010 spielen, sondern auch dieses Jahr Gospel Of The Horns, die in der Vergangenheit durch nationalistische, rassistische Tiraden aufgefallen sind und das Judeo-Christentum als Krebsgeschwür betrachten.
Bleibt als Fazit, dass ein Slogan wie „keep nazi scum out of metal“ zur Zeit nur eine Floskel ist, zumindest in Bezug auf das Party.San. Es wird zwar teilweise auf Kritik eingegangen und auf gewisse Mindeststandards gesetzt, diese Standards werden aber dann bei einigen Bands angewandt, bei anderen nicht. Eine konsequente Auseinandersetzung mit der Grauzone im Black Metal und mit der Verstrickung von Black-Metal-Musikern in menschenverachtende, rassistische, nationalistische und antisemitische Aussagen und Milieus findet allenfalls willkürlich und stichprobenartig statt. In diesem Sinne ist der propagierte und oben erwähnte Slogan viel Lärm um (fast) nichts. Statt konsequent gegen Nazis und menschenverachtende Ansichten vorzugehen, verstecken sich die Party.San-Macher_innen hinter markigen Worten, denen dann nur ausnahmsweise Taten folgen. Der Rest ist Toleranz gegenüber Nazis und deren Gedankengut.

Jan Wigger, Burzum und diese verdammte Grauzone

RockHard-Forum? Fehlanzeige. Metal-Hammer-Forum? Nichts zu finden. Zugegeben, in der Metalszene hat es nicht wirklich Aufsehen verursacht, dass Spiegel-Musikredakteur Jan Wigger in seiner Playlist Burzum drin hatte. Thematisiert wurde das unter anderem bei NPD-Blog bzw. jetzt Pubilkative in diesem Artikel und einem Facebook-Eintrag. Was Herrn Wigger natürlich nicht davon abhielt, in der folgenden Woche im Rahmen eines Zola Jesus-Reviews seinen Kritikern Scheinheiligkeit, Doppelmoral und blindes Eifern vorzuwerfen, mit kruden Vergleichen um sich zu werfen und die Akte Varg Vikernes ein für allemal zu schließen.
Und ja, in gewisser Hinsicht ist die Empörung von Jan Wigger durchaus berechtigt. Denn er agiert nunmal nicht am äußersten rechten Rand der Metalszene, sondern in deren Mitte und weiß dabei die großen Magazine hinter sich. In Specials haben Zeitschriften wie das kritisch-kompetent-unabhängige Rock Hard und Legacy Alben von Burzum hoch gelobt, das englische Terrorizer widmete Varg Vikernes sogar eine Titelstory. T-Shirts von Burzum sorgen auf Metalkonzerten schon lange nicht mehr für Aufsehen, sondern sind akzeptierte Normalität. Insofern greift eine Kritik an Jan Wigger alleine zu kurz. Es ist nunmal der Konsens der Szene, der auf den Prüfstand gehört, kritisiert und vor allem kritisch hinterfragt werden muss und zwar abseits der gängigen Argumentationsmuster.
Die Argumentation der Unterstützer_innen verläuft dabei immer gleich. Als erstes heißt es immer, wer kein Black-Metal-Fan sei bzw. diesen nicht hören würde, könnte ihn auch nicht verstehen. Das ist natürlich super, damit spricht mensch dem Gegenüber schonmal jegliche Kompetenz ab und verschafft sich selber den Nimbus der Überlegenheit des Wissenden über den Nichtwissenden. Dann wird eine ganze Reihe von Dogmen abgespult: auf den Alben von Burzum seien ja keine rechtsradikalen oder nazistischen Inhalte vertreten, die Alben seien in der Szene als musikalische Meisterwerke anerkannt, Varg Vikernes wurde erst nach der Veröffentlichung der Alben zum Nazi, vorher war er harmlos. Mal abgesehen davon, dass das Anzünden von Kirchen bzw. der bewusste Aufruf dazu und das In-Kauf-Nehmen von Toten (bei den Löscharbeiten starb ein Feuerwehrmann) alles anderes als harmlos ist, werden diese Dogmen wie Glaubenssätze vor sich hergetragen und den Kritikern mit Vehemenz und Penetranz um die Ohren gehauen. Kritische Nachfragen? Fehlanzeige. Aber wozu auch? Wenn ein Autor wie Wolf-Rüdger Mühlmann, seines Zeichens Promoter von Frei.Wild und plakativer Frontmann des Rock Hard, wenn es um Kritik an NSBM geht, das Aufnehmen von Burzum in die Top 25-Liste der wichtigsten Black-Metal-Alben vehement verteidigt, dann ist beruhigtes Zurücklehnen angesagt.
Denn die Bösen, dass sind immer die Anderen, die Kritiker. Die Leute, die zum x-ten Mal darauf hinweisen, dass Burzum einen großen Einfluss auf das Entstehen und die Entwicklung von NSBM hatten. Die keinen Bock auf Leute in Burzum-Shirts haben. Die es nunmal nicht cool finden, wenn es normal ist, die Musik eines Rassisten, Antisemiten und homophoben Nazis wie Varg Vikernes zu hören bzw. ihn mit dem Kauf seiner Musik finanziell zu unterstützen. Die, für die die Grauzone ein durchaus wichtiges Phänomen und keine Antifa-Phantasie ist. Die, die halt nicht alles fressen, was vermeintliche „Antifaschisten“ wie Wolf-Rüdiger Mühlmann und das Rock Hard veröffentlichen, sondern kritisch nachfragen und zweifeln.
Aber bis das passiert, ist es leider noch ein weiter Weg. Der große Teil der Szene macht es sich lieber in der Grauzone gemütlich, bügelt Nachfragen mit „Wir sind definitiv keine Nazis“ ab und spart sich kritisches Denken, Hinterfragen, Reflexion und Unabhängigkeit. Traurig, aber leider Realität.

Kiel Explode Festival Tag 2 (18.06., Alte Meierei, Kiel)

Leider viiiiiiieeeeeeeeel zu spät und deshalb auch nicht so ausführlich, aber hier ist der Bericht zum zweiten Tag des Kiel Explode-Festivals.

Leider bin ich beim Nachmittagsprogramm (Kaffe, Kuchen und der absolut sehenswerte „Punk Im Dschungel“-Film) nicht am Start, aber bei der Ankunft in der Meierei wird anhand der übrig gebliebenen Mengen Kuchen und des doch recht spärlichen Besuchs klar, dass es heute leerer wird als gestern. Ob daran die Absage der von vielen heiß erwarteten Planks schuld ist oder dem Programm etwas die Abwechslung fehlt, schwer zu sagen.

Als erste Band dürfen dann Honigbomber um halb neun endlich loslegen. Stilistisch nähern sich die Hamburgern dem Noise vom Punk her, was angenehm sperrig klingt und dennoch rockt. Die absolute Gehirnfusion bleibt zwar aus, aber die guten Arrangements sorgen dafür, dass der Gig auf jeden Fall unterhält. Interessant auch, dass die Lieder im Verlaufe des Sets immer länger werden und der Großstadtdiss der Hamburger in Richtung Kiel ist eher augenzwinkernd denn bierernst. Ein schöner Auftakt.

Keine Zähne im Maul Aber La Paloma Pfeifen bieten dann ihre interessanteMischung irgendwo zwischen Wave, NDW, Punk sowie Ironie (textlich) und Schrägheit (musikalisch). Im Gegensatz zu früher nervt mich der Abwechlunsgreichtum und die Brüche nicht so sehr, sondern unterhalten eher, vor allem die NDW-Anklänge wissen zu begeistern. Auch die spärliche Kulisse bringt die Band nicht aus der Ruhe, das Programm wird konsequent und vor allem souverän durchgezogen. Nichts, was ich mir zuhause anhören würde, aber live durchaus unterhaltsam.

„Das ist aber eigentlich kein Grindcore“ – treffende und kurze Aussage zu Mörser. Heute als relativ normale Band, da der dritte Sänger laut den Ansagen der beiden anderen irgendwas zwischen Fieber und EHEC hat, fahren die Bremer trotzdem ein ordentliches Brett auf. Der Wechselgesang wirkt schön brutal, Death-Metal-Riffs treffen auf Grindcoreblasts und heavy Midtemp. Die erstmals gut gefüllte Halle honoriert diese Abrissbirne, so dass von Anfnag bis Ende das Energielevel konstant am Anschlag ist. Der bislang beste Auftritt des Abends.

Fieserweise könnte mensch behaupten, dass die Ringelshirts von Modern Pets das Auffälligste des Gigs sind. Musikalisch solls ja 77′-Punk sein, mich erinnert es viel mehr an Rejected Youth ohne deren Gespür für eingängige Melodien. Sprich, ein durchaus gefälliger Auftritt, der aber völlig an mir vorbei rauscht. Aber da ich eh kein Experte für diese Art Musik bin, könnte mein Fazit auch völlig falsch sein. Sympathisch sind die Jungs auf jeden Fall und der Mob zollt auch Beifall.

Zum Abschluss brechen dann wirklich alle Dämme. Die Gorilla Bierkids und ihre Punk- und Metalkaraoke sorgen nicht nur dafür, dass sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums die Lampen ausschießt, sondern auch dafür, dass so mancher Song im völlig neuen Gewand erscheint. Von verdammt orginalgetreu bis zum totalen Absturz ist alles dabei, alles kongenial von Moderator und Teilzeitsänger (in einen weißen Anzug, Typ: schmieriger Animateur auf Seniorenkreuzfahrten) zusammen gehalten. Seine Art trifft zwar nicht bei allen auf Gegenliebe, aber er hat das um sich greifende Chaos bis zum Abschluss ‚T.N.T.‘ gut im Griff. Die Instrumentalfraktion erweist sich ebenfalls als souverän, alles in allem ein würdiger Abschluss eines ingesamt großartigen Festivals.

Ein kurzes Fazit sei noch gestattet, bis auf die umstrittende Essenssituation (die Stimmen zum Vegan Wonderland-Essen deckten die ganze Palette ab) ein rundum gelungenes Festival, tolle Auftritte, entspanntes Publikum (nur zu wenig Leute am Samstag) und eine schöen Atmosphäre. Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung!



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